Grenzerfahrung

Die Vorbereitungen

Eine Expedition in den Amazonas – hätte man mich vor Jahren gefragt, was auf meiner Bucket List ganz oben steht, dies wäre unter den TOP 5 gewesen. Die Gelegenheit ergab sich plötzlich im Frühjahr 2017, als ich auf Facebook eine Anzeige sah: „Teilnehmer für Expedition gesucht, unbekanntes Gebiet, auf der Suche nach Ruinen der Chachapoya Kultur“. Eine Skype Session und einige Gespräche mit den Organisatoren, Tom und Kosta, später, war ich im Team. Eine bunt gemischte Truppe aus Sportlern, Archäologen, Ethnologin, Biologe, Fotografen und mir, als Medizin/Foto Hybriden. Auf einmal wurde es ernst und die nächsten Monate waren von zwei Themenblöcken beherrscht: Die Finanzierung der Expedition und Training. Wer mich kennt weiß, Ich bin zäh, aber Sportler war ich noch nie. In der Hoffnung innerhalb von drei Monaten irgendwie auf ein halbwegs ausreichendes Niveau zu kommen, quälte ich mich fortan jeden zweiten Tag im Fitnessstudio. Parallel zu meiner persönlichen Vorbereitung startete ich eine Kickstarter Kampagne. Die Gesamtkosten für Equipment, Flüge und Guides stiegen schnell auf knapp 6000 Euro, eine Summe, die ich alleine nicht mal so spontan hätte aufbringen können. Ich schämte mich, schäme mich noch heute ein wenig, dass ich meine Freunde nun mehr oder weniger, über das Crowdfunding um finanzielle Unterstützung bitten musste. Manchmal im Leben muss man aufs ganze gehen, ich glaubte an die Story, sah eine einmalige Chance und die Resonanz und Unterstützung war überwältigend. Innerhalb eines Monats stand die Finanzierung, die Hälfte aus eigener Tasche, die andere Hälfte durch meine Freunde und Bekannten. Ich träumte von meiner ganz persönlichen Erfolgsstory, sah meine Fotos von neu entdeckten Ruinen schon in allen Magazinen dieser Welt und realisierte noch nicht, dass ich mir am Ende vielleicht zu viel erwartet und mich zu sehr unter Druck gesetzt habe – aber nachher ist man immer schlauer, wie man so schön sagt.

Ich habe mir lange überlegt, wie ich diesen Artikel schreiben soll, als Erfolgsstory, als mein persönlicher Abenteuerroman, oder doch mit harter und unangenehmer Ehrlichkeit. Ich habe mich für letzteres entschieden, nicht zuletzt bin ich das meinen Unterstützern schuldig und ich habe mir im Leben vorgenommen keine Rollen mehr zu spielen, auch unangenehmes auszusprechen und Haltung, auch mir selbst gegenüber zu zeigen. Das Leben ist nun mal kein perfekter Instagram Feed und am Ende, auch wenn diese Erkenntnis knapp 1,5 Jahre reifen musste, haben mich die Fehlschläge meines Lebens in der Entwicklung meiner Persönlichkeit am weitesten voran gebracht.

Das Abenteuer beginnt

Die Zeit verging wie im Fluge und schließlich, Anfang September saß ich im Flugzeug nach Lima. Nach einer Nacht im Hostel flogen wir am folgenden Tag mit einer Regionalen Airline in die Stadt Chachapoya im Norden Perus. Noch einige Stunden im Minibus auf kurvigen Bergstraßen und wir trafen erstmals alle persönlich auf einander. Im folgenden werde ich auf genaue Ortsangaben verzichten, die archäologischen Stätten, welche wir später entdecken sollten, müssen vor Grabräubern geschützt werden. Wir lernten uns bei Bier und Steak ein wenig kennen und besprachen mit Ron unsere Pläne. Ron war vor einigen Jahrzehnten mit dem Traum, National Geographic Fotograf zu werden, in diese abgelegene Gegend im peruanischen Hochland gekommen, hatte Gräber entdeckt, großartige Fotos gemacht. Im Leben kommt es manchmal anders, als man denkt und so fand Ron nicht nur die Bilder und Eindrücke, welche er suchte, sondern auch die große Liebe. Er blieb.

Landschaft mit orangen und blauen Bergen in den Anden von Peru
Ein letzter Ausblick in Richtung Zivilisation
Der Weg über die Anden
Märchenhafte Landschaften
Ein Einheimischer kommt uns auf einem Muli entgegen

Am folgenden Tag besuchten wir gemeinsam Ausgrabungsstätten der Chachapoya Kultur, wir wollten einen Eindruck bekommen, was uns erwarten könnte und uns ein bisschen an die Höhenlage gewöhnen. Am frühen Morgen des nächsten Tages wurde es Ernst. Mit Jeeps fuhren wir, soweit uns die Straßen sicher erschienen, hoch hinauf in die Berge, wo uns schon unsere Guides zusammen mit einigen Mulis erwarteten. Noch ein Kaffee und eine Zigarette (der Plan mit dem Rauchen aufzuhören sollte wieder einmal spektakulär scheitern), dann verluden wir unsere Rucksäcke auf die Mulis und gingen los. Die Landschaft – atemberaubend, die Höhe – den Atem raubend. Nach wenigen Stunden begriff ich zum ersten mal, dass drei Monate Vorbereitung für einen komplett untrainierten vermutlich zu wenig waren, um in 5000 Meter Höhe auf schwierigem Untergrund ein Teammitglied zu sein, dass die Gruppe nicht ausbremst. Der Weg war lang und diese erste Tortour sollte in Vorgeschmack auf das sein, was mich erwarten würde. Nach dem langen Aufstieg folgte der Abstieg, im Regen, auf Schlamm, der Zeitplan längst gescheitert und wir erreichten erst gegen 22 Uhr die letzte Bastion vor dem unendlichen Nichts des Regenwalds. Ein kleines Dorf in einem langen Tal, die Heimat unserer Guides. Wir fühlten uns zurückversetzt in eine weit vergangene Zeit. Elektrizität, Kanalisation, Handyempfang, Autos, so etwas gab es hier nicht, doch die Menschen, sie wirkten glücklich, so fernab vom Hamsterrad der westlichen Welt.

Der Expeditionsleiter Tom Schinker mit verschränkten Armen hinter dem lokalen Berater auf Expedition im Nebelwald von Peru
Expeditionsleiter Tom und Ronald Wagter, der Organisator im Vordergrund

Die Menschen hier leben von dem, was der Regenwald bietet, sie jagen, betreiben Landwirtschaft, die Hühner laufen frei herum und der einzige Weg an Luxusgüter wie Zigaretten oder eine Dose Cola zu kommen ist eine Mulikarawane, die einmal pro Woche den Dorfladen versorgt.

Am folgenden Tag lag Anspannung in der Luft, denn die ursprünglich angedachte Route wäre in der angedachten Zeit nur für einen kleinen Bruchteil von uns zu schaffen gewesen. So suchten wir den gemeinsamen Nenner, einen Kompromiss, um unsere Erwartungen möglichst unter einen Hut zu bekommen. Wir entschieden uns für eine andere Route, weniger Strecke, dafür mehr Zeit, um Entdeckungen auch dokumentieren zu können. Ein letztes Abendessen (das Essen hatte uns am Morgen noch mit lautem krähen geweckt) und am Morgen des nächsten Tages starteten wir nun endgültig in unser großes Abenteuer.

Im Regenwald

Mauern und Ruinen, wohl einer Begräbnisstätte der Chachapoya

Früh morgens zogen wir nun los, die erste Etappe würde zu einer Jagdhütte unserer Guides führen bevor wir am folgenden Tag in die Tiefen des Nebelwalds vorstoßen würden. Der Tag sollte ein Vorgeschmack werden, auf das was mich noch erwarten würde. Nach kurzer Zeit schon begann der Kampf gegen mich selbst, meine körperliche Leistungsfähigkeit am Limit und ich zweifelte mehr und mehr an der Sinnhaftigkeit meiner Teilnahme. Die Gruppe aufhalten, der langsamste zu sein, das kollidierte schnell mit meinem Ego. Frustriert und wütend auf mich selbst dachte ich nahezu durchgehend an das aufgeben. Ich bin einfach nicht der Typ Mensch, der Spaß daran hat sich zu quälen und ans Limit zu bringen und hätte ich mich nicht für unser Team verantwortlich gefühlt, wäre meine Reise hier zuende gewesen. Doch als einziger „Mediziner“ wäre ich meines Lebens nicht mehr froh geworden, hätte ich die Gruppe im Stich gelassen. Paradox, da ein Großteil vermutlich froh gewesen wäre, hätten sie den Bremsklotz hinter sich lassen können. Der Frust über mich selbst trieb mich voran, Meter für Meter, wütend und genervt.

Bachlauf im peruanischen Amazonasregenwald
Bachlauf tief im Regenwald

Mit jedem Tag stoßen wir nun weiter in den Nebelwald vor. Nicht unbedingt förderlich für die psychische Verfassung war die törichte Annahme, dies wäre eine großartige Gelegenheit, das Rauchen aufzuhören. Ohne Zigaretten, Tabak oder Papers im Gepäck zeigte sich, wie Suchttrieb mit Erfindungsreichtum korreliert. Unsere Guides hatten eine Tüte mit selbst angebautem Tabak im Gepäck und einer aus unserer Gruppe fand noch einen Block PostIt Notizzettel im Rucksack. So rauchten wir den grünen, feuchten Tabak ohne Filter aus einem Notizzettel. Was ekelhaft klingt war eine Belohnung nach den Strapazen die immer wieder die Moral nach oben hob.

Mann mit Shorts, T-Shirt und Machete läuft durch Regenwald im Norden von Peru
Archäologe und Extremsportler Mark

Nebelwald, es steckt schon im Namen, bedeutet Nebel, Nebel bedeutet Feuchtigkeit. Bedingt durch die Höhenlage verschwanden wir Abend für Abend in den Wolken und der Nässe. Ich hatte während der Vorbereitung immer gedacht, sollten wir nichts finden, keine spektakulären Fotos von Ruinen entstehen, so kann ich immer noch die unzähligen Bewohner des Regenwalds, wie Affen oder Vögel fotografieren und würde so, komme was wolle mit einer Sammlung an guten Bildern nach Hause kehren. Doch die Höhe, die kühlen Nächte und die Feuchtigkeit, die auch uns das Leben schwer machte, veranlasst die Regenwaldbewohner tiefer gelegene Regionen aufzusuchen. Eine Ausnahme bildeten jedoch Insekten, deren Ökosystem durch unsere Anwesenheit auf kuriose Art und Weise in Verwirrung geriet. Jeder Morgen, gegen 9 Uhr, erschienen Bienen in unserem Camp. Kleine braune, stachellose Bienen, die sich zu zehntausenden auf unseren, zum trocknen aufgehängten, Klamotten niederließen und sich wie Drogenabhängige so lange mit dem Salz aus unserem Schweiß vollsogen, bis einige, besonders gierige, durch die Überdosis an Salzen tot zu Boden fielen. Sie waren einfach überall und ihren Geruch nach altem Honig kann ich noch heute in meinen Klamotten ausmachen.

Das Basislager im Bienenland
Unscheinbar und hunderte Jahre eingewachsen im Dickicht des Dschungels offenbaren sich bei genauem Blick von Menschen gebaute Mauern

Nach wenigen Tagen errichteten wir an eine, Bachlauf im Dschungel ein Basislager und erkundeten an den Folgetagen wie Umgebung. Nahezu in jeder Himmelsrichtung entdeckten wir Ruinen der Chachapoya. Vor Mindestens 500 Jahren befand sich hier allem Anschein nach eine Siedlung der Wolkenmenschen. Die Chachapoya, eine frühe Hochkultur , bevölkerten wohl von ca. 500 bis 1500 den Norden Perus, bevor Sie von Konquistadoren, Inkas und Infektionskrankheiten ausgelöscht werden sollten.

Insektenlarve
Rüsselkäfer sitzt auf Ast vor grünem Hintergrund im Regenwald in Peru
Rüsselkäfer
Laubfrosch sitzt auf braunem Blatt im Regenwald in Peru
Laubfrosch

Nach dem Frühstück teilten wir uns jeden Tag aufs neue in Gruppen auf und zogen los, in verschiedene Himmelsrichtungen. Unsere Guides und wir trugen als Nahrungsmittel in erster Linie Reis, Bohnen, Mayonaise und getrocknetes Schweinefleisch mit uns. Frühstück, Mittag und Abendessen, das bedeutete somit meist Reis mit Trockenfleisch und Mayonaise – viele Kalorien, wenig Gewicht. Mit jedem Tag der verstrich und je näher das Ende der Expedition sich näherte, desto mehr träumten wir von den Luxusgütern der Zivilisation, die man zuvor nie so geschätzt hatte. Bei mir waren es Laugengebäck zum Frühstück und kaltes Weißbier zu Feierabend. Das kulinarische Highlight der zwei Wochen im Amazonas war, als eines Abends einer unserer Führer voller Stolz mit einem Agouti, welches er erlegt hatte im Camp erschien. Agoutis sind die nächsten Verwandten der Meerschweinchen, jedoch deutlich größer und optisch einer großen Ratte ähnelnd. Am Drehspieß gegrillt – ich hätte es nie erwartet – schmeckte das kleine Tierchen großartig, ein bisschen wie Tafelspitz, was wahrscheinlich aber nur daran lag, dass wir keinen Reis und Schweinefleisch mehr sehen konnten.

Nach etwas über zehn Tagen und Nächten im Regenwald machten wir uns, von zunehmenden Magen-Darm Problemen angeschoben wieder auf den Weg zurück in die Zivilisation. Nach zwei Tagen erreichten wir das Dorf unserer Guides und am Tag darauf traten wir wieder den Weg über die Anden an. Diesmal auf Mulis und Pferden und erreichten bei Dunkelheit und Regen die Straße, auf der uns ein Minibus in Empfang nahm. Die erste Dusche, ein saftiges Steak und ein kaltes Bier – ich war noch nie so dankbar für das moderne Leben mit all seinen Vorzügen.

Kind mit brasilianischem Fußballtrikot auf Wiese im Hochland von Peru
Fußballstar – der kleine Sohn eines unserer Guides in deren Heimatort

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