Hamburg brennt

in Mitten der Ausschreitungen zum G20 Gipfel 2017 in Hamburg

Im Juli 2017 findet trotz vorhergegangener Warnungen vor Ausschreitungen in Hamburg der Gipfel der Staatsführer der G20 statt. Angekündigte Demonstrationen tragen Namen wie „G20 – Welcome to hell“ und bereits in der zweiten Nacht der Versammlung macht das autonome Schanzenviertel in Hamburg seinem Namen alle Ehre. Innerhalb weniger Minuten verbarrikadieren sich Autonome vom neuen Pferdemarkt bis zur Roten Flora entlang des Schulterblatts, es entstehen brennende Straßensperren, Geschäfte werden geplündert und anrückende Polizeikräfte mit Pflastersteinen beworfen. In den nächsten Stunden sollte die Umgebung des Schulterblatts zum rechtsfreien Raum mutieren, bis schließlich um 2 Uhr Nachts die Staatsmacht mit entschiedener Härte die Straßenzüge zurückerobert.

Photo by: Lazslo Pinter

Es ist Freitag, der 7.7.2017 und der erste offizielle Kongresstag, die Proteste der letzten Tage waren weitgehend friedlich, doch bereits am Morgen zeigte das Fernsehen Bilder von brennenden Autos im Hamburger Stadtgebiet. Es lag etwas in der Luft, doch die Geschwindigkeit des Eskalation kam doch für uns alle überraschend.

Ich stand gerade mit meinem Freund und Kollegen Lazslo Pinter am Millerntorplatz, auf der Suche nach den nächsten Story als uns eine Eilmeldung erreichte: „Im Schanzenviertel wurden Schüsse abgefeuert“. Sofort eilten wir los in Richtung Pferdemarkt, Wasserwerfer und Polizeieinheiten im Laufschritt ließen den weiteren Verlauf des Abend bereits erahnen. Am Pferdemarkt angekommen schaffte ich es gerade noch mich zwischen den Polizisten hindurch ins Geschehen zu begeben. Es brannte bereits eine Straßensperre und vermummte mit Einkaufswägen brachten den Randalierern einen stetigen Nachschub an Pflastersteinen. Innerhalb weniger Minuten konnte man im gesamten Verlauf des Schulterblatts beobachten, wie eine Barrikade nach der anderen in Brand gesetzt wurde. Familien, Kinder und Anwohner versuchten voller Angst dem Gebiet zu entkommen, während sich hunderte Menschen mit Pflastersteinen in den Seitenstraßen eine Schlacht mit Polizeieinheiten lieferten. Ich mittendrin, mit Schutzhelm, Laptop und meinen Kameras. Ich sollte die nächsten zwei Stunden in diesem Chaos verbringen, um mich herum Brände, Randalierer, geplünderte Geschäfte – ein Szenario, das man in einer deutschen Großstadt nicht erwartet hätte.

Pünktlich zu Redaktionsschluss um 21 Uhr konnte ich gerade noch in einem griechischen Restaurant, welches mit Obdach gewährte, meine Bilder hochladen. Danach wieder raus ins Chaos, noch ein paar gute Fotos schießen.

Irgendwann gegen 0 Uhr beschloss ich dann, nachdem Journalisten von den Behörden aus Sicherheitsgründen mehrfach zum verlassen des Gebietes aufgefordert wurden, es für heute gut sein zu lassen. Ich hatte gute Bilder, war unbeschadet, die Zeitungsredaktionen geschlossen, das alles zu riskieren nur um bei der Räumung teilzuhaben – das war es nicht wert. Auf dem Weg zu meiner AirBNB an der Reeperbahn traf ich ein paar interessierte Hamburger und wenige Minuten später saßen wir in einer Kneipe, erzählten uns bei einem Bier unsere Erlebnisse. Immer wieder kamen „Betroffene“ der Ereignisse zur Tür herein, besonders in Erinnerung bleiben wird mir „Rolli-Werner“. Die Türe ging auf und ein Mann Mitte 50 im Rollstuhl – völlig durchnässt – kam herein und erzählte, wie er sich der Polizei in den Weg gestellt und diese Ihn mit einem Wasserwerfer aus seinem Rollstuhl durch die Luft katapultierte. Irgendwie hat er es dann doch geschafft der Staatsmacht zu entkommen – um hier wie ein Held empfangen zu werden.

Bericht in der tz München
Photo by: Sandra Hoyn

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.