Schicksal eines Volkes

Im Westen des Landes Myanmar, Nahe der Grenze zu Bangladesh lebte über Jahrhunderte das muslimische Volk der Rohingya. Doch eine wirkliche Heimat kennen sie nicht. 1982 entzog Myanmar den Rohingya die Staatsbürgerschaft und so wurde ein ganzes Volk auf einmal zu Fremden in der Region, in der es seit Jahrhunderten zuhause war. Ohne Pass und gefangen in Perspektivlosigkeit gipfelte die ausweglose Situation der Menschen im Herbst 2017 in einem Genozid, der keine politischen Konsequenzen nach sich zog. Eine Schande!

„Eines Morgens kamen Soldaten in unser Dorf, wir mussten uns vor unseren Häusern aufstellen und es wurden Fotos gemacht. Ein Foto von jeder Familie, von jedem Haus. Das Militär teilte uns mit, wir dürften das Haus nicht mehr verlassen. Sie kamen immer wieder in unser Dorf, ab jetzt immer mit den Fotos, wir mussten uns aufstellen und sie verglichen, ob alle anwesend waren. Fehlte einer, suchten sie ihn, töteten ihn. Wir hofften, wenn wir dem Militär folge leisteten könnten wir weiter unser Leben leben. Das Militär hat seine Gründe, es gab kleinere Konflikte mit milianten Rohingya, sie müssen nur die Sicherheit im Lande gewährleisten. Dies glaubten wir, doch unsere Hoffnung erweis sich als Fehler.

Ein Familienvater zeigt das Foto, welches das Militär von seiner Familie gemacht hat

Wieder einmal kam das Militär in unser Dorf, doch diesmal war alles anders. Die Schreie und das Wimmern kamen näher und näher, die Soldaten waren nicht gekommen um uns zu zählen. Männer wurden zusammengetrieben, geschlagen, vor den Augen Ihrer Familien gefoltert, erschossen. Sie verbarrikadierten die Türen unserer Häuser und steckten sie in Brand, die Frauen, die Kinder, sie verbrannten. Mädchen wurden nach draußen geschleppt, aufs grausamste vergewaltigt, danach wie Vieh zum sterben in die Flammen geworfen.“

Die wenigen, die dem Massaker entkamen schlugen sich in die Wälder und rannten fortan um Ihr Leben. Nach westen, nach Bangladesh, zu einem Ort, an dem sie sicher sein würden. Dort, in einem der ärmsten Länder der Erde entstand so innerhalb weniger Wochen das größte Flüchtlingslager der Welt.

Überall aus Bangladesh, sogar aus Indien machten sich Bauern und Händler auf den Weg, bepackten Ihre Wägen mit Reis und Baumaterialien und kamen den Verstoßenen zur Hilfe. Hier zeigt sich wieder einmal, dass die, die wenig haben oft diejenigen sind, die am meisten geben.

Im März 2018, 6 Monate nach dem Trauma, das dieses Volk ins Exil zwang stand ich nun mit einer Gruppe aus Journalisten und Mitarbeitern der Caritas am Eingang von Kutupalong.

Auf einer Fläche, die in etwa Lower Manhattan entspricht, leben hier über eine Million Menschen auf hügeligem ausgedörrtem Boden. Momentan ist Trockenzeit, die Temperaturen steigen bis über 40 Grad, doch die größte Gefahr steht mit der Regenzeit bevor. Fällt plötzlich eine große Menge an Wasser auf den staubigen Boden beginnt dieser sich zu verflüssigen und Erdrutsche bedrohen die Menschen und Ihre Unterkünfte.

Das Gesamte Camp ist in einzelne Sektoren unterteilt, für je einen Sektor trägt eine Hilfsorganisation die Verantwortung für die Versorgung mit Lebensmitteln, die Errichtung sanitärer Anlagen, die Befestigung der Hütten und die Sicherung der Hänge vor Landslides. Innerhalb der Sektoren unterteilt sich das Lager in kleinere Bereiche, welche je von einem Dorfvorsteher, dem Matschi, geleitet werden. Eigenverantwortung, das Gefühl, sein eigenes Schicksal beeinflussen zu können, das ist, was alle weitermachen lässt, in einem Lager, aus dem man nicht hinauskommt, ohne Pass und Identität. Es herrscht, überschattet von den schrecklichen Traumata welche ich mich hier nicht zu wiederholen wage, eine beeindruckende Aufbruchsmentalität. Jeder einzelne versucht sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Manche sind an eine hundert Jahre alte Nähmaschine geraten, nähen nun Kleider in Ihrem Schlafzelt, andere verkaufen Getränke oder beteiligen sich gegen ein kleines Gehalt an den Sicherungsmaßnahmen gegen die Bodenverflüssigung.

Kind blickt aus Hütte im Rohingya Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesh
Ein wenig Schutz – Kutupalong, Bangladesh

Doch wie wird es weiter gehen? Eine Lösung ist nicht in Sicht. Die Rückkehr nach Myanmar – ausgeschlossen, eine weiterreise aufgrund fehlendem Pass – unmöglich – und so beginnen sich die Menschen damit abzufinden, dass dieses kleine Gebiet wohl in Zukunft die Heimat eines ganzes Volkes sein soll.

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.