Seenotrettung im Mittelmeer

An Bord des Seenotkreuzers „Minden“

Im Jahr 2017 begleitete ich für zwei mal zwei Wochen den ehemaligen Seenotkreuzer der DGzRS „Minden“ bei seiner Rettungsmission vor der Libyschen Küste im Mittelmeer. Die Minden war Jahre zuvor von der DGzRS ausgemustert worden und von einem Privatmann gekauft. In Anbetracht der humanitären Katastrophe, welche sich tagtäglich vor den Toren Europas im Mittelmeer abspielt beschloss er sein Schiff der Seenotrettung zur Verfügung zu stellen. Angeführt von Kapitän Christian, einem ehemaligen Vormann der DGzRS, Susanne, seiner Lebensgefährtin und Weltumseglerin und dem Schiffsingenieur Thomas betrieb die Minden nun wieder das wofür sie gemacht wurde: Das Retten von Menschenleben. Die feste Crew der drei wurde im Zwei Wochen Turnus von je vier bis fünf Freiwilligen ergänzt, welche die Positionen von Medic und Deckhelfer besetzen. Durch ihre besondere Rumpfform hat die Minden einen entscheidenden Vorteil: Sollte sie kentern, dreht sie sich von selbst wieder in die Normallage. Dieser Vorteil bringt aber auch einen deutlich spürbaren Nachteil mit sich: Das Schiff hat eine faszinierende Neigung zu rollen und zu stampfen, so dass man schon bei zwei Metern Wellenhöhe mit der Hand aus dem Fahrstand ins Wasser greifen könnte.

Die Werftzeit

Bei meinem ersten zwei Wochen Turnus stand zuerst einiges an Werftarbeit im Hafen von Malta an, bevor wir bei schlechtem Wetter in Richtung Sizilien in See stachen, wo das neue Beiboot zur Abholung bereitstand. Bei bis zu 9 Metern Wellenhöhe, in der Nacht als unweit entfernt auf der Insel Gozo das berühmte Felsentor zum Einsturz gebracht wurde, realisiert man auf einmal, warum als die letzte Stufe der Seekrankheit der Suizid genannt wird. Nach einigen Testfahrten und einer Pizza im Hafen von Licata ging es mit dem neuen Schnellboot an Bord zurück nach Malta um alle Werftarbeiten zum Abschluss zu bringen. Da es in der ganzen Zeit irgendwann keine Fotomotive und auch keinen anderen Patienten als mich selbst zu versorgen gab arbeite ich mich in die Schiffs IT ein.

Schiffs IT klingt erstmal nach komplexen Hightech Systemen, naja komplex durchaus mit unzähligen Sensoren für Wassertiefe, Radar, Wassertemperatur, Geschwindigkeit, mehrere GPS, Seefaxempfänger, Schiffsidentifizierung, Windgeschwindigkeit, Windrichtung. Aber Hightech, sagen wir mal so, ich habe davor schon lange kein LPT1 und Com Kabel mehr gesehen. Gerade pünktlich zu meinem Rückflug nach Deutschland konnten wir einen ersten Erfolg verzeichnen, in die Monitore war Leben eingekehrt.

Auf Patrouille

Zwei Wochen später, nach einigen Up’s und Down’s, da zwischenzeitlich fragwürdig war, ob der Einsatz stattfinden können würde, trafen wir in Malta zur gemeinsamen Rettungsmission zusammen. Diesmal lag Ernst in der Luft, es ging nicht mehr darum ein neues Schlauchboot zu holen, sondern darum Menschenleben zu retten. Nachdem wir unsere Kojen bezogen und das Schiff gemeinsam gecheckt hatten startete Thomas die Maschinen und schon liefen wir aus, in Richtung der Rettungszone.

Jetzt teilte Christian uns alle in Wachen (also Schichten) ein. Zwei mal täglich je vier Stunden in denen wir, als zwei Mann/Frau Team, für die Suche nach Flüchtlingsbooten, die Überwachung von Radar und Funk und die Sicherstellung, dass wir uns nicht im Rumpf eines größeren Schiffs wiederfinden, verantwortlich waren. Mike “ der Greifer“ und ich, wir teilten uns die Nacht-/Mittagsschicht: 00 – 04 und 12 -16 Uhr. Danach nutzten wir die Zeit um zu trainieren, wie wir im Ernstfall Unser Schnellboot durch den geöffneten Rumpf der Minden ins Wasser bringen. Das ist nämlich die zweite große Besonderheit der Minden, neben der „Unkenterbarkeit“, ihr Heck lässt sich aufklappen. Mittels eines speziellen hydraulischen Hebesystems kann man so ein Tochterboot ins Meer hinaus lassen und auch wieder einholen.

Die ersten Tage vergingen, wir begaben uns in unser Patroilliengebiet und fortan war unsere Aufgabe, vor der Küste, außerhalb der Hoheitsgewässer Libyens auf und ab zu fahren. Jede Nacht saßen Mike und ich auf den Schalensitzen auf deck, starrten mit unseren Ferngläsern in den Horizont und auf das Radar, drehten an Knöpfen, versuchten auszumachen, ob die kleine Reflektion einfach nur ein Wellenkamm oder doch ein Boot mit über 100 Menschen sein könnte. Mike erzählte mir von seinem letzten Einsatz auf der Minden: Während einer Rettungsaktion gerieten die Menschen auf dem Rubberboat plötzlich in Panik, einige fielen ins Wasser und das Boot drohte zu kentern. Mike „der Greifer“, gebaut wie ein Wandschrank, streckte nun von der Reling seine Arme nach unten und zog einen nach dem anderen an Bord der Minden. Davon tief beeindruckt fragte ich mich plötzlich, ob ich mir eigentlich klar darüber bin worauf ich mich eingelassen hatte. Wieder starrten wir auf das Meer, ich kannte das Meer zuvor nur von Reisen an wunderschöne Strände. Das Meer hatte immer etwas zauberhaftes, schönes, doch hier war es einfach nur schwarz, man konnte fühlen wie weit sich die Tiefe unter einem erstreckt.

Der Moment, in dem du auf einem kleinen wackeligen Schiff, ohne ein anderes Schiff auf dem Radar und nur Dunkelheit um einen herum, völlig alleine auf Deck stehst, lässt dich realisieren wie klein und nichtig man doch ist. Gleichzeitig weiß man aber immer, vermutlich ist da draußen in diesem Moment ein Schlauchboot, völlig überfüllt mit Menschen in Todesangst. Jedes Schiff hatte ein festes Patrouillengebiet, das bedeutet, übersehen wir irgendetwas, übersehen wir ein Boot, dann wird dieses vermutlich von keinem anderen Menschen je mehr gesehen werden. Diese Anspannung, kombiniert mit fehlendem Schlafrythmus, fehlender Privatsphäre und einem Zuhause, dass sich immer so anfühlt als wäre man mit einer schrottreifen Cessna in Turbulenzen geraten machten sich bei mir in einer sehr minimalistischen Form der Nahrungsaufnahme bemerkbar. Effektiv lebte mein Körper von Kaffee und Zigaretten, ich hatte nie zuvor und nie danach in meinem Leben von beidem so viel in so kurzer Zeit vernichtet.

Einsatz

Eines Morgens war es dann soweit. Nach einer Stunde Schlaf kam Christian in unser Zimmer: Wir haben ein Rubberboat auf dem Radar, das MRCC Rom ist informiert und wir werden zusammen mit einem Schiff der italienischen Küstenwache alarmiert, eintreffen in ca. einer Stunde. Thomas hat bereits die zweite Maschine gestartet und so jagen wir durch die Wellen in Richtung unseres Ziels. Wir versammeln uns, wie es sich gehört mit Kaffee und Zigarette auf Deck und besprechen den bevorstehenden Einsatz, bevor schließlich jeder auf seine Position geht und sich auf das bevorstehende einstellt. Im Kopf gehen wir immer wieder Horrorszenarien durch, welche uns erwarten könnten.

Irgendwann erspähen wir dann am Horizont eine kleine Anormalie, etwas das kein Wasser ist und je näher wir darauf zuhalten erkennen wir mehr und mehr das schlaffe Schlauchboot und unzählige Gesichter, welche uns fixieren, winken, die blanke Angst in den Augen. In einer Entfernung von ca. 100 Metern kuppelt Christian die Maschinen aus, wir öffnen das Heck der Minden. Thomas, Rine, eine Schweizer Krankenschwester und ich steigen ein und gleiten rückwärts ins Wasser. Wir fahren los in Richtung des Schlauchbootes, umkreisen es zweimal, Winken, rufen Dinge wie „We will help you“ und „Don’t panic“ um irgendwie zu vermeiden, dass die Menschen in Panik geraten. Wir gehen Längsseits in einem sicheren Abstand, so dass niemand auf die Idee kommen könnte zu uns herüber zu springen und womöglich im Wasser zu landen, erklären was wir vorhaben, fragen nach der Anzahl der Frauen, Kinder, ob es Verletzte oder Tote gibt. Gleichzeit mit uns trifft nun das Schiff „Dattilo“ der italienischen Küstenwache ein, im Vergleich wirkt die Minden wie ein kleines Spielzeugschiff.

Das gewohnt Vorgehen wäre nun, zuallererst Schwimmwesten an alle Menschen auf dem Boot zu verteilen um die akuteste Gefahr, die des Ertrinkens, einzudämmen. Also kehren wir zurück und machen uns bereit „Big Packs“ mit Rettungswesten aufzuladen, doch die italienische Küstenwache hat andere Pläne. Als Scene Coordinator weißt sie uns an wir sollen als Sicherheitswache mit unserem Schnellboot in der Nähe des Schlauchboots bleiben während sie das Schlauchboot Längsseits nehmen und die Personen direkt vom Schlauchboot auf die „Dattilo“ bringen.

Unser erster Einsatz war vorbei, sozusagen ein „Soft Start“ um uns als Team einzuspielen und für weitere gewappnet zu sein. Es sollte nicht der letzte bleiben. Im Laufe der nächsten 7 Tage werden wir noch an der Rettung von 5 weiteren Flüchtlingsbooten beteiligt sein, Schwimmwesten verteilen, Menschen auf andere Schiffe transportieren, dokumentieren und hoffen, dass kein Unglück passiert. Wir trafen die Menschen in kleinen Fischerbooten, schlaffen Schlauchbooten und einem zweistöckigen Holzboot: Immer überfüllt, meist ohne Motor und ohne jede Chance, jemals das Mittelmeer überqueren zu können. Am Rand sitzen die stärksten, meist junge Männer, in der Mitte der Schiffe, zusammengekauert in Erbrochenem und Benzin die Frauen und Kinder, bangend um ihr Leben. Wir sahen Säuglinge, Schwangere, welche nun, nach Vergewaltigungen auf Ihrer Reise durch Nordafrika, in dieser verzweifelten Lage ein Kind erwarteten.

Das menschliche Elend, die Verzweiflung, die Angst in den Augen der Menschen werde ich nie vergessen. Diese Bilder brennen sich ein, man kann einfach nicht verstehen, warum vor der reichsten Region der Erde Menschen Tag für Tag jämmerlich ertrinken müssen. Ein grausamer, langsamer und einsamer Tod, Kinder, Schwangere, ohne zumindest die Gewissheit, dass ihre Angehörigen je von Ihrem Schicksal erfahren. Wir stehen wieder auf dem Schiff, unsere Nachtwache hat begonnen und wieder blicken wir in die schwarze See, welche nichts schönes mehr an sich hat, sondern nur noch als Symbol für den Tod und die Mitschuld der EU an dieser völlig unnötigen humanitären Katastrophe steht. Wir sind alle stiller geworden, nachdenklicher, hilfloser. Mit jedem Schiff, dass die Rettungszone verlässt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen ertrinken, in Anonymität bei Ihrem Versuch ein besseres Leben zu führen.

Heute, über zwei Jahre später ist die Bilanz ernüchternd. Es gibt kaum mehr Rettungsschiffe, es gibt keine Seenotrettung der EU oder Küstenwachen, die Situation in den Lagern in Libyen ist so dramatisch, dass Menschen aus Angst davor, dorthin zurückgebracht zu werden, Selbstmord auf Hoher See begehen. All das geschieht nicht im Verborgenen, das Drama ist gut dokumentiert, die Politik weiß seit Jahren sehr detailliert wie verzweifelt die Lage ist. Doch es passiert nichts. Menschen sterben, in diesem Moment, einen grausamen, unnötigen Tod, der den Glauben an das Gute im Menschen mehr und mehr verschwinden lässt.

Wenn Sie selbst etwas bewegen wollen, dafür sorgen möchten, dass ein paar Menschen weniger sterben müssen: Die Organisationen SeaEye und SeaWatch sind dringend auf Spenden angewiesen und die letzten, welche noch auf dem humanitären Imperativ bestehen. Die Minden, das Schiff, dass ich so hassen und zugleich lieben gelernt habe konnte nach unserer Mission nie wieder in einen Seenotrettungseinsatz aufbrechen.

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.