Sehnsucht nach Freiheit

Teheran – eine Stadt im Wandel

In Teheran, der Hauptstadt des Iran beginnt nach Lockerung der Wirtschaftssanktionen ein Umdenken in den Köpfen der Menschen. Insbesondere die Jugend beginnt mehr und mehr aus dem Gefängnis konservativer Ordnung auszubrechen.

Ca. 12 jähriger Junge fährt mit Helm und Segway auf Tabir Brücke in Teheran
Kind fährt Segway – Tabir Brücke, Teheran

„Technischer Überwachungsverein Thüringen“ – diese Überschrift prangt auf einer Plakatwand im Norden Teherans. Ein angenehm kühler Wind zieht die Bergstraße entlang und durchbricht die warme, stickige Luft der Stadt. Nach etwa 20 Minuten Fußweg erreicht man vom Parkplatz aus die Tochal Bahn. Die Seilbahn ist sowohl im Sommer als auch im Winter eines der beliebtesten Ausflugsziele der Gegend und offenbar von guter („german proved“) Qualität. Es ist noch früh am Morgen und nur wenige Menschen sind zu sehen. Die Gondelbahn für jeweils 6 Personen bringt Wanderlustige im Sommer und Ski- und Snowboardfahrer im Winter in 7 Stationen auf den Berg Tochal, sofern es gelingt in eine der Gondeln einzusteigen. Denn anders als bei uns üblich ist hier eine Doppelsitzbank in der Mitte der Gondel angebracht, wodurch nur wenige Zentimeter Platz bleiben, um sich rasch in die fahrende Gondel zu quetschen. Das macht die Fahrt zu einem kleinen Abenteuer. Oben angelangt, wird man mit einem wunderbaren Blick über die smoggequälte Hauptstadt belohnt. Auf den Bänken sitzen Paare, von jung bis alt, die es genießen – weit weg von Polizei und Sittenwächtern – die Händchen halten oder sich in den Arm zu nehmen. Manchmal rutscht sogar das Kopftuch gänzlich vom Haupt der Dame – natürlich unter dem Deckmantel des Windes und es lässt sich für einen Moment einen Blick auf die perfekte Frisur erhaschen.

Zwei Frauen von hinten fotografiert mit farblich passenden Klamotten bei Palast in Teheran im Iran
Passend gekleidet – Teheran

Ungefähr 10 Jahre lang war der Iran aufgrund seines Atomprogramms
von massiven internationalen Wirtschaftssanktionen betroffen.
Anfang dieses Jahres wurde von der internationalen Staatengemeinschaft
der schrittweise Abbau des Embargos beschlossen. Das Land war fast völlig
vom internationalen Handel isoliert. IPhones, VW‘s und Markenkleidung
werden Sie im Iran nicht finden und wenn doch, nur als Schmuggelware
aus der Türkei. Deutlich zu spüren waren die Auswirkungen für Fremde
beim Zahlungsverkehr. Einfach schnell zum Geldautomaten zu gehen wird
nur Einheimischen den gewünschten Erfolg bringen. 2006 wurden die iranischen Banken komplett vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen. So ist es technisch nicht möglich Geld in den Iran hinein oder heraus zu transferieren, sowie westliche Bankkarten zu benutzen. „Ich bin Webdesigner und habe letztes Jahr meinen Master gemacht“, erzählt mein Fahrer, „doch leider gibt es im Iran kaum Jobs für Uni- Absolventen. Viele meiner Freunde haben Hochschulabschlüsse im IT-Bereich. Doch einer von ihnen verkauft Parfüm auf dem Markt, der andere Rohrleitungen und wieder ein anderer betreibt eine Wechselstube. Keiner jedoch hat einen Job gefunden in dem Fach, das er studiert hat. Das ist sehr frustrierend und traurig, wir hätten hier so viel Potential“. Was sich mein Fahrer von den Lockerungen der Sanktionen: „Ich wünsche mir, dass es mit der Wirtschaft bergauf geht, ich muss 18 Stunden am Tag arbeiten, um mir ein kleines Zimmer leisten zu können. Dabei kann ich noch froh sein, viele junge Menschen finden gar keinen Job.“

Langsam bahnen wir uns den Weg von den eher wohlhabenderen Stadtteilen im Norden hinein in das Zentrum der Stadt. Mit 34 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohner und Jahr (WHO, 2013) ist der Iran auf Platz 5 der Weltrangliste. Beim Blick aus dem Fenster ist es allerdings verwunderlich, dass es nicht noch mehr sind. Viele der Autos sind entweder schon deutlich in die Jahre gekommen oder billige Nachbauten westlicher Modelle aus China. Dazu kommt eine horrende Zahl an Motorradfahrern, welche offensichtlich in kompletter Anarchie leben und schon mal auf der falschen Seite fahren oder einem auf dem Fußweg entgegenkommen. So erlebt man an einem Tag auf den Straßen der Stadt mindestens einen Unfall und für den gelegentlichen Adrenalinschub sorgen Motorradfahrer, die, ihren Helm am Lenker hängend, beim Wechsel über 5 Spuren im Kreisverkehr einen LKW schneiden. Die Polizei ist präsent, jedoch nur selten als regulierende Gewalt im Straßenverkehr. Eher in Form von Gruppen aus jungen Männern in Uniform, die mit ihren Smartphones zusammenstehen. Amerikanische Fernsehserien wie zum Beispiel „The Walking dead“ sind der neue Trend unter den jungen Persern und dank flächendeckendem mobilen Internet überall verfügbar.

Träger auf Großem Basar in Teheran hält auf belebter Kreuzung kurz Inne
Innehalten – Großer Basar, Teheran

Im Zentrum der Stadt befindet sich der Große Basar von Teheran – mit 10 Kilometern Länge der größte überdachte Markt der Welt. Es riecht nach Abgasen, Früchten, Nüssen und Schweiß. Die Gänge sind schmal, teilweise nur einen Meter breit und es drängen sich unzählige Menschen zwischen den Ständen. Kaufen kann man in dem persischen Pendant zu Amazon beinahe alles, was man sich vorstellen kann. Angefangen von Stoffbahnen und Elektronik über Nahrungsmittel bis hin zu neonfarben leuchtenden Dessous. Zwischen Kunden und Händlern schlängeln sich Träger durch die schmalen Gassen. Sie transportieren mit Sackkarren oder Tragegestellen auf dem Rücken Waren im Auftrag von Händlern oder Kunden von A nach B. Es sind häufig Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak, manchmal nicht älter als 13, die so versuchen durch die harte Arbeit zu überleben. „Manchmal arbeiten wir 14 Stunden am Tag und wenn die Händler nicht zufrieden sind, bekommen wir kein Geld. Manche schlagen uns auch“, berichtet Amir, 15, der vor zwei Jahren allein aus Afghanistan floh. „Wir teilen uns zu acht einen kleinen Kellerraum. Wenn wir nicht arbeiten, können wir dort schlafen.“ Wohnraum wird in Teheran mehr und mehr Mangelware und so können sich viele Bewohner nur mit Hilfe von mehreren Jobs ein eigenes Zimmer leisten.

14 jähriger Junge wellcher auf Markt als Träger arbeitet winkt und lächelt in die Kamera in Teheran, Iran
Trägerjunge – Großer Basar, Teheran

Am Wochenende bleiben die Teheraner deswegen nur selten zuhause, sondern sind in einem der etwa 800 Parks der Stadt anzutreffen. Es wird mit der ganzen Familie Kebap gegrillt, Jugendliche machen Selfies oder gehen sportlichen Aktivitäten nach. Neben Joggen und Badminton wird Skateboard fahren im Iran, insbesondere bei Mädchen, immer beliebter. Da in den altehrwürdigen Schriften keine Hinweise zu finden sind, dass das für Frauen nicht erlaubt sein könnte, sieht man mehr und mehr junge Mädchen, die in der Grauzone des Sittenrechts auf vier Rollen ein wenig Freiheit genießen. Nahe der Tabir Brücke, welche in den größten Park der Stadt mündet, wurde vor wenigen Jahren aus diesem Grund ein großer Skatepark gebaut. Es läuft Dance Musik im Hintergrund, auf der Tribüne sitzen Angehörige und Skater und Skaterinnen wirbeln gemeinsam durch die Pipes. In einem Park nahe des Stadtzentrums beobachte ich einen Jungen und zwei Mädchen wie sie ausgelassen umherrennen und sich gegenseitig mit Wasser bespritzen. Doch zu Ihrem Pech steht unweit von ihnen ein wachsamer Motorradpolizist. Als er das unsittliche Treiben bemerkt fährt er sofort herbei und die Gesichter der Jugendlichen ändern sich schlagartig. Personalien werden aufgenommen. Anzeige erstattet. Im schlimmsten Falle drohen ihnen Peitschenhiebe. Mit Ausbruchsversuchen wie diesen begeben sich die Menschen auf eine gefährliche Gratwanderung, die schnell ernste Konsequenzen nach sich ziehen kann. Die fundamental-islamischen Wertevorstellungen der alt gewordenen Regierung beginnen langsam am Freiheitsstreben der jungen Generation zu zerbrechen. Wie die Regierung mit der schwindenden Akzeptanz, der harten Gesetzgebung und dem aufkeimenden Individualismus umgehen wird, wird sich zeigen.

Mann verkauft Masken auf einem Auto in Teheran im Iran
Maskenverkäufer – Teheran

In Teheran wurden kürzlich 6.000 neue Sittenwächter eingestellt.

Der ist der Selbsterkenntnis und der Selbstverwirklichung am nächsten, der mit seinem Schicksal zufrieden und einig ist. Denn die Zufriedenheit ist die Fröhlichkeit des Menschen auch in der Bitterkeit des täglichen Lebens.

iranisches Sprichwort

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